24. Oktober 2016

Tagebuch der TERRA-UNICA-Reise nach Estland im September 2016


Estland ist ein Birding Hotspot für den arktischen Vogelzug   - Foto Ulrike Wizisk


Während der zweiten Septemberhälfte 2016 war eine Terra Unica Gruppe in Estland unterwegs um den arktischen Vogelzug zu beobachten. Höhepunkte der Tour waren u. a. die Insel Saarema, die Vogelstation Kabli, der Matsalu Nationalpark und Kap Põõsaspea, wo z. T. Zehntausende Vögel gesehen wurden. Insgesamt wurden 133 Arten gesichtet - eine für diese Jahreszeit stattliche Anzahl.


Tagebuchtext von Ute Schreiber mit ornithologischen Ergänzungen von Ulrike Wizisk


Mittwoch, 21. September 2016

Küste und Bohlenweg bei Pärnu
Bereits am Vortag hat sich die 7-köpfige TERRA-UNICA-Gruppe in Tallinn versammelt, so dass es frühzeitg losgehen kann. Von Estlands Hauptstadt fahren wir Richtung Süden nach Pärnu, wo wir bereits in der Umgebung des Ortes ziehende Vogeltrupps sehen können. Der Strand, an dem unser Hotel liegt, wird vornehmlich von Möwen und Nebelkrähen frequentiert, doch von einem etwas landeinwärts gelegenen Bohlenweg, der das schilfbestandene Feuchtgebiet entlang der Küste durchquert, werden Kiebitze, Graureiher, Schwäne sowie verschiedene Entenarten gesichtet.

Zwergschwäne - Foto Ulrike Wizisk
An diesem ersten Reisetag können wir  54 Vogelarten auf unsere Liste setzen, darunter Sing- und Zwergschwan, Schellente, Zwerg- und Gänsesäger, Seeadler, Kiebitzregenpfeifer, Bekassine, Hohltaube, Raubwürger, Wintergoldhähnchen, Steinschmätzer, Wiesenpieper und Rohrammer. Unser Vogel des Tages ist der Merlin.



Donnerstag, 22. September 2016
Wir besuchen die Vogelstation Kabli nahe der Grenze zu Lettland. Zentraler Punkt ist eine riesige, 73 m lange und 51 m breite sogenannte Helgoland-Falle, in der während des Vogelzugs im Frühjahr und Herbst Tausende von Vögeln gefangen und beringt werden. Auf dem Höhepunkt des Vogelzugs sind die ehrenamtlichen Naturschützer, die das Beringen und Katalogisieren der Tiere durchführen, ständig in Bewegung, damit die Vögel nicht zu lange in den Fangnetzen hängen.

Gerade beringtes Wintergoldhähnchen, Europas kleinster Vogel und Beobachtungstum bei Kabli
Von dem ebenfalls zur Station gehörenden Beobachtungsturm verfolgen wir u. a. Schwärme von weißköpfigen Schwanzmeisen, Buchfinken und viele andere Kleinvögel. Auch ein Schwarzspecht fliegt vorbei. Wir folgen einem Naturpfad, der die verschiedenen Küstenhabitate von Sandstrand und Schilfflächen bis zu Küstenwiesen und ufernahem Sumpfwald durchzieht. Hier sehen wir neben diversen Limikolen auch einen Seeadler.

Tolkuse-Moor - Foto Ute Schreiber
Auf dem Rückweg nach Pärnu besuchen wir das Tolkuse-Moorgebiet. Ein Bohlenweg führt durch die sensitive Moorvegetation. In unterschiedlichen Bereichen wachsen verschiedenfarbige Torfmoose - einige sind dunkelrot. "Labrador-Tee" (Sumpfporst) und Sonnentau finden wir am Wegesrand. Von einem ca. 30 m hohen Beobachtungsturm, der auf der höchsten Binnendüne (50 m!) Estlands steht, haben wir einen grandiosen Ausblick über die umgebende Wald- und Moorlandschaft.

Blick vom Aussichtsturm auf das Tolkuse-Moorgebiet  - Foto Ulrike Wizisk

Heute umfasst unsere Vogeliste 77 Arten, also 39 neu gegenüber dem Vortag. Darunter sind viele Entenarten (u.a. Schnatter-, Pfeif-, Spieß-, Krick-, Tafel-, Reiher- und Schellente), Kranich, Limikolen (u.a. Pfuhlschnepfe, Großer Brachvogel, Knutt, Zwergstrandläufer, Alpenstrandläufer, Kampfläufer), diverse Möven, "alle" Meisenarten (Tannen-, Hauben-, Sumpf-, Weiden-, Blau- und Kohlmeise), Beutel- und Bartmeise, Schwanzmeise, Kleiber (die nordische Unterart mit dem hellen Bauch), Gebirgsstelze, Baumpieper , diverse Finkenarten (u.a. Bergfink, Kernbeißer, Bluthänfling, Erlenzeisig) und die Goldammer. - Vogel des Tages: Schwanzmeise
  

Freitag, 23. September 2016
Wir setzen mit einer Fähre über zur kleinen Insel Kihnu im Golf von Riga, die wir nach einer etwa einstündigen Überfahrt erreichen. 

Gänsesäger (webl.) - während der Fährüberfahrt gesichtet    -   Foto Ulrike Wizisk

Kap Pitkänä an der Südspitze der Insel ist ein „Birding Hotspot“ zur Zeit des Vogelzugs mit oft über Hunderttausend gesichteten Vögeln pro Tag, doch heute will der Zug nicht recht in Gang kommen - möglicherweise auf Grund des ungewöhnlich warmen und sonnigen Wetters. Dennoch hat sich der Besuch gelohnt, denn das Kap mit seinem malerischen Leuchtturm zeigt sich landschaftlich von seiner besten Seite und Ferngläser werden mit Fotoapparaten vertauscht.

Kap Pitkänä auf der Insel Kihnu  - Foto Ute Schreiber

Das Mittagessen wird auf einem lokalen Bauerhof eingenommen, wo uns unter den schwertragenden Bäumen des Obstgartens frischgefangene Scholle und Apfelkuchen serviert werden - von den Damen des Hauses, die auch im Alltag noch ihre traditionellen farbenfrohen Röcke tragen. Am späten Nachmittag geht es zurück auf das Festland.
Trotz des mauen Vogelzugs können wir 61 Arten auflisten. Neu dazu kamen Sperber, Rotschenkel, Baumfalke, Haussperling und Heckenbraunelle. - Vogel des Tages: Sperber


Samstag, 24. September 2016
Wir verlassen Pärnu, um zu Estlands größter Insel Saarema überzusetzen. Auf dem Weg zum Fährhafen Virtsu durchqueren wir ein Poldergebiet sowie landwirtschaftlich genutzte Gegenden. Hier sehen wir u. a. Birkhühner - leider nur auf Spektivdistanz, aber nichtsdestoweniger eindrucksvoll. In der Ferne machen sich einige Seeadler am Boden zu schaffen und entschweben schließlich mit ihrer Beute, vermutlich einem verendeten Kranich.

Seeadler mit einem Kranichflügel in den Fängen  - Foto Ulrike Wizisk
Wir erreichen das Oldrema-Tuhu-Naturreservat, das zu einem der größten Hochmoorgebiete Westestlands gehört. Auf einem 900 m langen Bohlenweg überqueren wir diesen relativ jungen, von vereinzelten Birken bestandenen Sumpf-Moor-Komplex.

Mittags sind wir zu Gast in der alten Bahnstation von Karuse, an der inzwischen stillgelegten Strecke der einstigen Schmalspurbahn. In seiner langjährigen Geschichte diente das Gebäude auch als Postamt, Telefonzentrale, Sparkasse, Bibliothek und Film-Vorführraum – Verwendungszwecke die in der derzeitigen Innenausstattung immer noch Ausdruck finden. Das Haus ist ein Stück estnischer Geschichte und wird zurzeit noch von seiner jungen, deutschsprechenden Besitzerin renoviert. Sie ist ein echtes Origibal und servierte uns eine schmackhafte Fischsuppe.

Unser Exkursionsbus vor dem alten Bahnhof von Karuse  - Foto Ulrike Wizisk

Eine etwa halbstündige Fährüberfahrt bringt uns nach Muhu. Noch immer ist das Wetter fantastisch: warm, sonnig und windstill - allerdings nicht so gut für den Vogelzug. So ist auf dem Wasser nicht viel zu sehen, aber von der Brücke, die Muhu mit Saarema verbindet, beobachten wir viele Höckerschwäne und auch Schnatter-, Pfeif-, Spieß- und Tafelenten. Ein Seeadler streift ebenfalls vorbei. Anschließend fahren wir zum Saarema Hotel, in dem wir drei Nächte übernachten werden.
Heute verzeichnen wir 64 Arten. Neu dazu kamen u.a. Turmfalke und Rotdrossel. - Vogel des Tages: Birkhuhn


Sonntag, 25. September 2016
Auf Saarema ist unser erstes Ziel die Sörve-Halbinsel und -Nehrung an der Südspitze der Insel, ein bekannter Rastplatz für Landvögel vor der Meeresüberquerung. Da heute Sonntag ist, ist Sörve – ein beliebtes Ausflugsziel für Ornithologen – ungewöhnlich belebt: neben unserer Gruppe tummeln sich noch etwa ein Dutzend weitere Besucher in dem weitläufigen Areal um den imposanten Leuchtturm: für das dünn besiedelte Estland eine Menschenmenge!

Birding auf der Sörve-Nehrung  - Fotos Ute Schreiber
Aus dem Schutz einer alten sowjetischen Befestigungsanlage beobachten wir vorbeiziehende Seevögel, darunter Tausende Kormorane und Möwen, sowie vereinzelt Prachttaucher. Auch der Kleinvogelzug kommt nun etwas in Gang: viele Erlenzeisige, Goldammern, Buchfinken, auch Bergfink, Bluthänfling, Grünfink, Wiesenpieper, Steinschmetzer. Ein besonderes Erlebnis war ein rastendes Braunkehlchen.
Ziehende Erlenzeisige   -   Foto Ulrike Wizisk
Rastende Kleinvögel: Braunkehlchen und Wiesenpieper  - Fotos Ulrike Wizisk

Wir verzeichnen eine lange Liste mit 79 nachgewiesenen Vogelarten (Später hat sich gezeigt, dass es die zweitlängste der Reise ist). Dreizehn Arten sind neu für die Tour, darunter Löffelente, Eiderente, Mittelsäger, Stern- und Prachttaucher. Außer den häufigen Rohrweihen sehen wir auch eine Kornweihe. Und unter den allgegenwärtigen  Lach-, Sturm-, Mantel- und Silbermöwen können wir eine Heringsmöwe identifizieren; zudem sichten wir eine Brandseeschwalbe. Unter den Kleinvögeln sind Heidelerche, Fitis (Zilpzalp ist viel häufiger), Teichrohrsänger, Mönchsgrasmücke und Braunkehlchen "neue Arten". - Vogel des Tages: Braunkehlchen 



Montag, 26. September 2016
Morgennebel liegt anfangs über der Straße zur Tagamõisa-Halbinsel im Nordwesten Saaremaas, doch hebt er sich bald unter den wärmenden Sonnenstrahlen. Im Vorüberfahren entdecken wir am Waldrand einen kapitalen Elch – leider wartet er nicht bis die Fotografen schussbereit sind und verschwindet im Unterholz. Doch auch ohne „Belegfoto“ ist so ein Anblick des majestätischen Tieres im geheimnisumwitterten Morgenlicht beeindruckend!
Erster Halt des Tages ist das Undva Kliff, das aus ca. 430 Millionen Jahre alten Karbonatgesteinen besteht. In diesen Schichten finden wir zahlreiche Fossilien, darunter Fragmente von Brachiopoden und Crinoiden (Seelilien). Auch kleine von Bryozoen (Moostierchen) gebildete Riffe gibt es hier.
 
Fossilien aus dem Silur am Undva-Kliff  -  Fotos Ute Schreiber
Auch ornithologisch (dem Hauptgrund unseres Hierseins!) ist die Region interessant. Wir können neben den "gängigen" Kleinvögeln Rotkehlpieper und Fichtenkreuzschnabel auf unsere Beobachtungsliste setzen. Bevor wir über Kuressaare zum Fähranleger auf Muhu zurückfahren, legen wir noch verschiedene Halte entlang der Küste Saaremaas ein. In einer kleinen Bucht bei Veere entdecken wir erstmalig auf dieser Tour Eis-, Samt- und Trauerente! Und nahe der Brücke zwischen Saarema und Muhu fliegt neben der Fahrbahn eine Doppelschnepfe auf.
Am späten Nachmittag erreichen wir Haapsalu, einen Kurort an der Westküste Estlands, und setzen unsere Beobachtungen fort auf der Strandpromenade - die direkt vor den Terrassen unserer Zimmer beginnt. Neben den allgegenwärtigen Höckerschwänen und Stockenten entdecken wir im Schilf einen Gänsesäger. 

Insgesamt verzeichnen wir 71 Arten. - Vogel des Tages: Wintergoldhähnchen (weil einige Teilnehmer es so schön beobachten und fotografieren konnten) 
 
Gänsesäger (weibl.)  -  Foto Ulrike Wizisk


Dienstag, 27. September 2016
Heute steht ein Besuch des Matsalu Nationalparks auf dem Programm. Es ist wieder ziemlich neblig, aber als wir gegen 9 Uhr unser erstes Ziel erreichen, hat er sich bereits wieder gelichtet, und ein weiterer sonniger Tag kündigt sich an. Am Puise Kap erwartet uns ein besonderes Schauspiel - Tausende ziehende Eichelhäher fliegen über unsere Köpfe hinweg (mehr als 20 000 wurden an zwei Tagen gezählt), während jede vorhandene Oberleitung von Starenschwärmen belegt ist. Außerdem sehen wir vereinzelt Schwarzspecht und viele ziehende Kleinvögel. Darunter erstmalig auch Gimpel.

Ziehender Eichelhäher -  Foto Ulrike Wizisk

Am Nachmittag besteigen wir den Haeska-Beobachtungturm – bekannt für den estnischen (europäischen?) Tagesrekord von 128 gesichteten Arten (Mai 1997). Ende September können wir natürlich nicht auf diese Vielfalt hoffen, doch an Masse bleibt nichts zu wünschen! Die umliegenden Küstenniederungen sind mit Tausenden Vögeln bedeckt, die sich auf ihren Zug nach Süden vorbereiten. Innerhalb weniger Stunden sehen wir um die 25000 Nonnengänse sowie Tausende Kiebitze. Der Anblick sich erhebender und mit charakteristischen Rufen über unsere Köpfe hinweg davongleitender Gänseschwärme ist faszinierend, und für jeden „abgereisten“ Schwarm läßt sich alsbald ein neuangekommener nieder.

 
Weißwangengänse (Nonnengänse) im Matsalu N.P.  -  Fotos Ulrike Wizisk

Wir verzeichnen 87 Arten (Die längste Liste der Reise!), allerdings waren nur Goldregenpfeifer, der bereits erwähnte Gimpel und einige Ringelgänse, die sich unter die vielen Weißwangengänse mischten, neu für die Tour. -  Vogel des Tages: Die Weißwangengans verlor in einer Kampfabstimmung knapp gegen den Eichelhäher.


 
Mittwoch, 28. September 2016 
 
Arktischer Vogelzug: unzählige Enten auf dem Weg nach Süden (hier vornehmlich Bergenten)  -  Foto Ulrike Wizisk
An unserem letzten Tag an der estnischen Westküste verlässt uns das bisher angenehme Spätsommerwetter. Das Kap Põõsaspea, ein Kreuzungspunkt der Zugvogelrouten aus dem finnischen und botnischen Meerbusen, zeigt sich rau und stürmisch. Doch was uns im Windschatten einer Beobachtungshütte Schutz suchen läßt, „beflügelt“ offensichtlich nun endlich den Vogelzug. Schwarm um Schwarm ziehen am Horizont (und manchmal auch näher) vorbei, und binnen wenig mehr als einer Stunde zählt Margus, unser Bird Guide, mehr als 11000 Vögel: vornehmlich Bergenten (ca. 9400) sowie einige Hundert Reiherenten, Spießenten, Trauerenten, Eisenten, Schellenten, Pfeifenten, Löffelenten, Samtenten und Krickenten. Vereinzelt werden auch Kiebitzregenpfeifer, Ringelgans, Prachttaucher, Sterntaucher und Alpenstrandläufer gesichtet.

Ringelgänse - Foto Ulrike Wizisk

Außerdem kommen die geologisch Interessierten unter uns wieder auf ihre Kosten. Auch hier stehen am Strand fossilführende Kalksteine an – mit ca. 450 Millionen Jahren aus dem Zeitalter des Ordiviziums und somit etwas älter als die auf Saaremaa. Versteinerte Muschelschalen sind teilweise so gut erhalten, dass man sie für rezente halten könnte! Und wie an der gesamten estnischen Küste gibt es auch hier zahlreiche Geschiebe – abgeschliffene Gesteinsbrocken verschiedener Größe und Herkunft, die die eiszeitlichen Gletscher aus Skandinavien und Finnland herübertransportiert haben. Die meisten bestehen aus Granit oder Gneis, aber auch einige Sedimentgesteine sind vertreten. 

Links: Fossilien aus dem Ordivizium, rechts: eiszeitliche Geschiebe ("Findlinge")

Nach dem Mittagessen beginnt es ernsthaft zu regnen, doch wir sind nun im trockenen Auto auf der Fahrt nach Rakvere im Nordosten Estlands, wo wir die letzten Tage in dem Taiga-ähnlichen Wald von Alutaguse  nach Waldarten (z.B. Spechten) Ausschau halten wollen.

Unsere Tagesliste umfasst 44 Arten;  Bergente, Habicht und Eisvogel sind neu. Vogel des Tages: Bergente


Donnerstag/Freitag, 29./30. September 2016
Der nächste Tag beginnt trübe, aber nichtsdestotrotz begeben sich einige von uns zeitig auf Vogelexkursion in die Waldgebiete um Rakvere – und werden mit der Sichtung eines Auerhuhns belohnt. Außerdem sehen sie Elche und Rehe, sowie von Bibern „bearbeitete“ Baumstämme. Andere verleben einen "Kulturtag" auf eigene Faust in Rakvere.

Am frühen Nachmittag begibt sich ein Teil der Gruppe zu einer Bärenbeobachtungshütte in der Nähe von Tudu, wo sie auch die Nacht verbringen werden, um einen Blick auf die mächtigen Allesfresser zu erhaschen. Alternativ stand eine Eulenexkursion auf dem Progamm, die aber wegen des regnerischen und windigen Wetters nicht sehr erfolgreich war. Allerdings gelang ein kurzer Blick auf ein Haselhuhn.

Die Leute in der Bärenhütte beobachten zuerst eine Vielzahl von Waldvögeln, darunter Tannen- und Weidenmeise, doch mit der Dämmerung stellen sich Marderhund und Rotfuchs ein, angelockt von dem „Aroma“ des versteckten Bären-Köders. Das nächtliche Treiben im Wald hält alle gefesselt, bis schließlich gegen 22 Uhr ein Bär erscheint und sich für einige Zeit mit dem bereitgelegten Mahl beschäftigt. Später begeben sich alle auf den einfachen Liegen zur Ruhe, um am nächsten Morgen das Erwachen des Waldes zu erleben.

Elch, Auerhuhn, Fuchs und Marderhund  -  Fotos Ulrike Wizisk

Eine weitere Vogelexkursion nach dem Mittagessen hat das Ziel noch einige der in Estland vorkommenden Spechtarten unserer inzwischen beachtlichen Vogelliste hinzuzufügen, doch der starke Wind macht unsere Ambitionen zunichte. So bringt uns der Nachmittag zwar keine neuen Vogelarten, aber entschädigt mit malerischen Eindrücken des inzwischen doch sehr herbstlichen Waldes. Außerdem beeindruckt eine Ansammlung von Tausenden Staren auf dem Rückweg zum Hotel.

Herbstfarben im Alutaguse-Wald   -   Foto Ute Schreiber

Erwartungsgemäß sind die Listen der beiden Tage im Waldgebiet nicht so lang wie aus den Küstenhabitaten: 34 bzw. 28 Arten. Aber immerhin konnten wir einige typische Waldvögel ankreuzen: Klein- und Grauspecht sowie Auer- und Haselhuhn.
Vogel des Tages: Auerhuhn / Haubenmeise 



Samstag, 1. Oktober 2016
Am letzten Tag unserer Reise erleben wir noch einmal einige Highlights. Gleich bei einem ersten Spaziergang in einem kleinen Park eines Herrenhauses können wir ausgiebig einen Mittelspecht beobachten.

Mittelspecht   -   Foto Ulrike Wizisk
Auf einem abgeernteten Acker entdecken wir mehrere Tausend Kraniche, die sich zum Abzug gen Süden sammeln. In den Lüften über uns und auf dem Boden vor uns herrscht reges Treiben, was vermuten lässt, dass dieser kurz bevorsteht. Tatsächlich haben die meisten Kraniche ihr Sommerquartier bereits Mitte September verlassen, so dass es sich bei unserer Gruppe wohl um Nachzügler handelt.

Kraniche  - Foto Ulrike Wizisk

Die Käsmu-Halbinsel (Lahemaa Nationalpark) an der estnischen Nordküste, die wir als nächstes besuchen, weist sehr verschiedene Habitate von Heide und Marschgebieten bis zu Sandstränden und riedbestandenen Küstenniederungen auf. Zahlreiche Vögel passieren Käsmu im Herbst auf ihrem Weg nach Süden, andere überwintern in der geschützten Bucht zwischen Käsmu und der nächsten Halbinsel. Eine große Freude bereitet uns die Sichtung eines Trupps Seidenschwänze, eine weitere neue Art für unsere Liste. Insgesamt sehen wir am heutigen Tag 25 Vogelarten, wobei Mittelspecht und Seidenschwänze neu sind.

Seidenschwänze  -  Foto Ulrike Wizisk

Ebenso ist Käsmu bekannt für eine Vielzahl von eiszeitlichen Geröllen, wie wir sie schon im Westen Estlands gesehen haben. Wegen der größeren Nähe zu den nördlichen Ursprungsgebieten der Gletscher finden sich hier jedoch noch mächtigere „Brocken“, der größte knapp 25 m hoch und 5 m im Durchmesser.


Mächtige Geschiebebrocken an der Küste von Käsmu  -  Foto Ulrike Wizisk



In Tallinn angekommen, beschließen wir unsere Reise mit einem 2-stündigen Rundgang durch die mittelalterliche Altstadt. Unsere lokale, deutschsprachige Führung erzählt uns Interessantes und nicht allgemein Bekanntes über die jüngere Geschichte und das Alltagsleben in Estland, anstatt uns mit Jahreszahlen und Daten zu „bombardieren“, was von allen begrüßt und als angenehm empfunden wird. Ein letztes gemeinsames Abendessen, dann heißt es am nächsten Morgen Abschied nehmen und den Flieger zurück nach Hause zu besteigen.
 
Blick auf Tallin  -  Foto Ute Schreiber

Trotz des für den Vogelzug "zu guten" Wetters war die Reise ein voller Erfolg - nicht nur hinsichtlich der Vogelausbeute (und Säugetiere und Pflanzen) sondern auch wegen der guten, stehts fröhlichen Stimmung innerhalb der Gruppe. Unsere beiden lokalen Führer Margus Ellermaa (an der Küste) und Margus Pensa (im Wald von Alutaguse) haben uns geduldig und kompetent durch die Vogelwelt Estlands geführt.

Die Abstimmung zum Vogel der Reise haben wir am letzten Abend vergessen. Es zeichneten sich aber drei Kandidaten ab: der so überaus häufige Höckerschwan, die "niedlichen" Schwanzmeisen und die so eindrucksvoll ziehenden Eichelhäher. Lassen wir sie also als Dreierspitze regieren.

Wer noch nicht an der Reise teilgenommen hat, der kann das im Herbst 2017 nachholen. Auch sehr zu empfehlen ist die Sommerreise (Juni/Juli): Informationen dazu gibt es hier: Mit TERRA UNICA nach Estland